Die Ausmalung des Wasserburger Rathaussaales
durch Maximilian von Mann

Maximilian von Mann, am 15. Juni 1856 in München geboren, begann trotz früh entdeckter zeichnerischer Begabung eine militärische Laufbahn. Doch nach fünfzehn Jahren als Kadett (1869 - 76) und Leutnant (1876 - 84) mußte er diese Karriere wegen eines Herzleidens abbrechen; er trat sofort über zur Münchener Kunstakademie, wo er sechs Semester bei Karl Raupp, Nikolaus Gysis und Otto Seitz studierte. Wie seine ausgeführten und erhaltenen Werke belegen, brachte eine Reise nach Tirol den entscheidenden Umschwung. Damals begeisterte er sich für die Wandmalereien des 14, 15. und 16. Jahrhunderts in den Schlössern von Runkelstein, Reifenstein, Churburg, Frundsberg und der Burg von Meran. Und er kopierte sie in Aquarellen, was bei Ludwig von Löfftz soviel Anerkennung fand, daß dieser als Juryvorsitzender der Münchener Jahres-Ausstellung 1895 im Glaspalast ein eigenes Kabinett vermitteln konnte. Diese Kopien, später mit Unterstützung des Grafen Wilczek und des Fürsten Johannes von Liechtenstein zu einer Sammlung von ca. 150 Stück angewachsen, machen heute ein Hauptteil seines bekannten Werkes aus.

Die Renovierung des Wasserburger Rathauses war nach einem Brand im Jahr 1874 notwendig geworden. Mit einer architektonischen Gestaltung des Architekten Johann Rieperdinger und den Schnitzereien von Josef Regl, wurde der Saal im Typus des deutschen Rathaussaales des späten Mittelalters und der Renaissance wiederhergestellt. Dieser Iängsrechteckige Saaltypus wird zumeist von einer hölzernen gewölbten Decke überspannt, als Beispiele wäre auf das alte Münchener und das Nürnberger Rathaus hinzuweisen. Auch in damals ganz neugebauten Rathäusern, etwa beim Freisinger Rathaus 1904/05 von Günter Blumentritt, wurde dieser Saaltypus eingeführt.

Die Mann'schen Malereien sind ein komplexes Beispiel von "Kunst nach Kunst", was hier heißt, daß mehr oder weniger leicht zu identifizierende Vorbilder der Deutschen Renaissance zu einem prächtigen Ambiente kombiniert wurden. Dieses späthistoristische Verfahren hatte zum Beispiel Gabriel von Seidl in seinem Bayerischen Nationalmuseum zusammen mit dem Maler Rudolf von Seitz zu einem heute nur noch fragmentarisch erhaltenen Höhepunkt geführt. Hier waren, gleichfalls ohne Berücksichtigung des Materials oder der Größe der Vorbilder, assoziativ gefügte Kombinationen hergestellt worden.

Für die fensterlose Stirnwand des Saales wählte Mann eine Darstellung, die den Rathaussaal als Festsaal aus dessen historischen Funktion als Tanzhaus assoziativ erlebbar macht. Dieses Hauptbild zeigt ein sogenanntes Fest- und Liebesmahl der Renaissance.

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In dem Festbild ist ein Holzschnitt von Hans Sebald Beham "Der verlorene Sohn" verarbeitet und der Brunnen stammt in seinen Hauptteilen aus dem Holzschnitt Albrecht Altdorfers mit der hl. Familie am Brunnen. Ein stehender Putto in der rechten Saalecke daneben ist aus Sebastian Schels Sippenaltar von 1517 herausgelöst; die beiden schwebenden Putti desselben Altares begegnen uns als wappenhaltende Engel an der durchfensterten Längswand wieder. (Foto rechts)

Zwischen den Fenstern der östlichen Wand werden auf der Folie anderer vierfacher ikonographischer Themen - die vier letzten Dinge, die vier Temperamente, die vier Elemente - in vier allegorischen Gestalten die sogenannten stärksten Dinge - Vinum, Rex, Mulier und Veritas - vorgeführt. Nach "mittelalterlichem" Vorbild verwandeln sie sich im späthistoristischen Gewand zu einer volkstümlichen Wahrheit: daß die Macht des Königs stärker sei als die des Weines, die des Weibes stärker als die des Königs und die Wahrheit stärker als das Weib. Der König tritt als Kaiser Maximilian auf indem sein Antlitz - aber nur dieses - seitenverkehrt aus Dürers Holzschnitt stammt.

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An der durchfensterten Stirnseite des Saales findet sich zuoberst in ganz üblicher Weise eine Stadtansicht, die in starker Vergrößerung einem Merianstich von 1644 nachgemalt wurde (Foto links unten); darunter das Reichswappen Kaiser Ludwigs des Bayern und das kgl. bayerische Staatswappen sowie ganz unten, zwischen den Fenstern, die Allegorien Fortuna und Fortitudo. Die Verherrlichung des Salzes in einem Festzug an der großen Eingangswand erinnert stadtgeschichtlich gesehen an den Salzhandel, der den Wohlstand der Stadt begründet hatte.

Aus sakralen, mythologischen und weltlichen Motiven, aus kleinen Kupferstichen, Holzschnittfolgen und Altargemälden wurde ein farblich eingestimmtes "historisches" Ambiente erzeugt. Die Künstlerjury ließ sich wohl weniger von "künstlerischer Freiheit" beeindrucken als von "Stiltreue" bzw. hatte die ranghöhere Historienmalerei mehr Erfolg als eine Genremalerei.

Auch wenn die Mann'schen Malereien gegenüber den Entwürfen des Mitbewerbers Herterich als rückwärtsgewandt wirken, waren sie doch nur im Rahmen des "modernen" Münchener Späthistorismus Seidlscher Prägung im frühen 20. Jahrhundert möglich; ein Historismus, der keiner literarischen Erläuterungen bedurfte, da er sich zur bedeutungsfrei kompilierten Ausstattung entwickelt hatte.

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Diese Spätform stellt zugleich eine Verbindung her mit einem verbreiteten Phänomen gerade der Kunst des 20. Jahrhunderts, daß Bilder durch zitierte Bilder als "Kunst" sichergestellt werden sollen und so dann doch auch Bedeutung evozieren können. Aus heutiger Sicht hat die damalige Entscheidung gegen die zeitgenössische moderne Kunst zu einem kunsthistorischen Gegenstand geführt, der doch von Interesse für die Kunstentwicklung ist. Dieser Interessensgegenstand gehört selbstverständlich längst "zu den eindrucksvollsten Werken des Historismus" und ist auch Gegenstand der Denkmalpflege geworden.


(Auszug aus einer Abhandlung von Wolfram Lübbeke - erschienen im Jahrbuch der Bayer. Denkmalpflege, Band 35/1981, Deutscher Kunstverlag München-Berlin 1983 sowie in der Reihe "Heimat am Inn" des historischen Vereins Wasserburg a. Inn)