Das Rathaus

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Den eindrucksvollsten Profanbau der Stadt, in seiner äußeren Gestalt ein Werk reiner Gotik, stellt das Rathaus dar. Es zeugt noch heute vom Selbstverständnis jener Bürgerschaft, die den Neubau durch Jörg Tünzl 1457 ins Werk setzen ließ.

Anläßlich eines Umbaues im Jahre 1975 wurden in der östlichen Gewölbehalle des Erdgeschosses die aufgedeckten, älteren Fundamente genauer untersucht. Zwar läßt sich nicht nachweisen, daß das ältere, an dieser Stelle nachzuweisende mittelalterliche Gebäude bereits als Rathaus gedient hat, aber seine Lage und archivarische Hinweise lassen zumindest daran denken, daß schon vor dem großen Stadtbrand ein Rathaus vorhanden gewesen war. Nach diesem Ereignis ist vermutlich zunächst weniger Wert auf Repräsentation als auf Existenzsicherung gelegt worden. Jedenfalls wurde erst mehr als 100 Jahre später ein Neubau für notwendig gehalten.

 

Bei seinem Plan hielt sich der Baumeister an das Bauprogramm der alten Rathäuser und gab ihm eine in ihrer Schlichtheit und Geradlinigkeit eindrucksvolle Gestalt, die den vorgelagerten Marienplatz nicht bedrängend überragt, sondern ihn fast und ihm zusammen mit der Marienkirche den Mittelpunkt gibt, um den sich das öffentliche Leben des Gemeinwesens konzentriert. Die Funktionen der einzelnen Gebäudeteile sind äußerlich ablesbar: Hinter dem hohen Treppengiebel, dessen Blendnischen 1924 durch Maximilian Ritter von Mann weitgehend neu gestaltet worden sind - nur die Bilder in den beiden Wappennischen waren noch zu restaurieren befindet sich im Obergeschoß das sogenannte Tanzhaus als Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. In ihm fanden nicht nur die Feste der Bürgerschaft statt, sondern vor allem die vorgeschriebenen Versammlungen zur jährlich wiederkehrenden Ableistung des Bürgereides, zu Wahlen usw.. Seine heutige Gestalt erhielt der Saal jedoch erst 1903/05 im Zuge der Restaurierung durch Maximilian Ritter von Mann. Sie war notwendig geworden, weil ein Stadtbrand am 1. Mai 1874 diesen Gebäudeteil schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte.

 

Dem Künstler und Preisträger eines ausgeschriebenen Wettbewerbs gelang es in dem Raum, dessen frühere Ausgestaltung heute nicht mehr bekannt ist, die Atmosphäre des mittelalterlichen Tanzhauses deutlich zu machen und er hatte in dem Steinmetzmeister Geigenberger, dem Bildhauer Regel und dem Architekten Rieperdinger, denen die Gestaltung der Meßwerkfenster, der gewölbten und geschnitzten Decke übertragen worden war, hervorragende Handwerker zur Seite. Ihnen verdanken wir, daß dieser repräsentative Festsaal mit annähernd 500 Plätzen in seiner heutigen Gestalt besteht, mit den geschnitzten Wappen Wasserburger Geschlechter, mit Bildern und Darstellungen aus der Wasserburger Geschichte.

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Die Ratsstube oder der Kleine Rathaussaal blieb von Unglücksfällen verschont. Der gotische Raum wurde 1564 im Stil der Renaissance umgestaltet und stellt, nachdem die Wandmalereien 1927 wieder entdeckt und freigelegt worden sind, einen der wenigen, vollständig erhaltenen Räume jener Epoche dar. Er erhielt seine besondere Bedeutung aus der Funktion und Stellung der Stadt Wasserburg zu jener Zeit: Hier fanden nicht nur die Ratssitzungen, sondern, nach der Reichsreform Kaiser Maximilians, in unregelmäßigen Abständen auch Kreistage des bayerischen Kreises statt. Die Ratsstube wurde ihrer Bedeutung entsprechend mit den Porträts von Gelehrten aus der Antike und einer Darstellung des salomonischen Urteils gestaltet.

 

Im Erdgeschoß des Hauses waren das Brothaus und die Schrannenhalle untergebracht, ersteres die zentrale Verkaufsstelle für die Produkte der ortsansässigen Bäcker, letzteres der Marktort für alles schrannenpflichtige Getreide, das nur über die Getreideschrannen in Handel und Verkehr gebracht werden durfte.

Dr. Martin Geiger

(aus den Bildbänden Wasserburg a. Inn
1978 - Oberfränkische Verlagsanstalt, Hof
1992 - Edition Braus, Heidelberg)